Was steckt hinter dem Begriff „Commons“?

Eine Begriffsklärung | 06.12.2018 | von Sophie

Der englische Begriff „Commons“ lässt sich grob mit Allmende oder Gemeingut übersetzen, er wird aber auch häufig als Fremdwort im Deutschen verwendet. Ein Gedankenspiel hilft dabei zu verstehen, was sich hinter dem Begriff verbirgt. 

Stellen sie sich eine Weide vor, die niemandem gehört. Sie wird von Schäfern genutzt, um ihre Schafe darauf grasen zu lassen. Es kommt der Tag, an dem ein Schäfer beschließt seine Herde zu seinem eigenen Nutzen zu vergrößern. Es kümmert ihn nicht, dass die Gemeinschaft die Kosten seines Egoismus tragen muss und fortan jedes Schaf ein bisschen weniger fressen kann. Nun vergrößern auch die restlichen Schäfer ihre Herden um das eine oder andere Schaf. Es kommt wie es kommen muss: Die Ressource der fruchtbaren Weide, einst zugänglich für alle, wird übernutzt und verschwindet komplett. 

So beschreibt es der Mikrobiologe Garret Hardin 1970 in seinem Aufsatz zur „Tragik der Allmende“. Er folgert, dass wichtige Gemeingüter daher vom Staat verwaltet werden sollten, damit sie zum Wohle aller erhalten bleiben. Aber man kann die Geschichte auch anders erzählen:

Die Schäfer des Dorfes treffen sich jeden Tag auf der Gemeindeweide, um ihre Schafe grasen zu lassen. Man kennt sich untereinander. Schon die Schafe ihrer Großeltern weideten auf demselben Land. Innerhalb der Gemeinschaft wurden verbindliche Regeln gefunden, die allen gerechten Zugang zur Weide ermöglichen und gleichzeitig für ihren Erhalt sorgen. Die Weide, die Schäfer und ihre Schafe, sowie das Regelwerk zusammen sind das Commons, die „Dorfweide“.

Dazu empfehlen wir dieses Video der Heinrich Böll Stiftung:

 

Commons sind also keine bloßen Ressourcen, aber jedes Commons beinhaltet eine Ressource, die seine Basis bildet. Dabei ist der Begriff Ressource weit gefasst: Sie kann natürlichen Ursprungs sein wie Wasser oder vom Menschen geschaffen wie Wissen. Diese Ressource wird von einer Gemeinschaft genutzt und von einem Regelwerk umrahmt, das in einem selbstorganisierten Prozess von den Nutzern geschaffen wurde. Wie in dem Beispiel der Gemeindeweide bildet die Einheit von Ressource, Nutzern und Regeln das Commons. 

In ihrer langen Forschungskarriere hat die Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom viele Commons untersucht und herausgefunden, dass sie häufig eine nachhaltigere und gerechtere Nutzung von Ressourcen ermöglichen als Markt und Staat dies leisten können. Und diese Wiederentdeckung erfolgt vielleicht gerade zur rechten Zeit: Traditionelle Gemeingüter wie universitäres Wissen oder Saatgut drohen durch Urheberrechte oder Patente in die Domäne des Privaten überführt zu werden, ohne dass Regierungen geeignete Wege finden, die das verhindern. Commons werden auch als der „andere Weg“ bezeichnet: Sie zeigen neben Staat und Markt ganz neue Nutzungsoptionen von Gemeinressourcen auf. 

Auch unsere Initiative versteht sich als Teil der Commons-Bewegung mit dem Ziel Saatgut als Gemeingut zu sichern. Unser Regelwerk ist dabei die Open-Source Lizenz, die festschreibt, dass die Nutzung von Open-Source Saatgut jedem offen steht, aber es von niemandem privatisiert werden kann. Genauso wichtig ist aber das „Commoning“, also der soziale Prozess, der um jedes Commons herum entsteht und den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den Menschen meint. Darum sprechen wir nicht nur mit ZüchterInnen und LandwirtInnen, sondern mit Menschen quer durch die Gesellschaft – damit Saatgut wieder ein Gemeingut für alle wird. 

 

Quellen: 

http://www.bpb.de/apuz/33206/was-sind-gemeingueter-essay?p=all

https://commons.blog/was-sind-commons/

https://de.wikipedia.org/wiki/Commons

Helfrich, Silke; Heinrich-Böll-Stiftung (2014): Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat. Bielefeld: transcript Verlag. Online verfügbar unter http://www.oapen.org/search?identifier=640450.

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