Vielfalt gibt's nicht zum Nulltarif

Allemand

Die Ökozüchtung braucht eigene Konzepte für die Finanzierung der angestrebten Nutzpflanzenvielfalt. | 23. März 2021 | von Bella


Seit die Supermarktregale zu Beginn der Corona-Pandemie leer waren, schätzen noch mehr Menschen Tomaten aus dem eigenen Garten.

»Krisen machen uns bewusst, was für unser Leben wirklich wichtig ist. Wir werden daran erinnert, dass unser Gesundheitssystem und unsere Lebensmittelversorgung wohl zu den grundlegendsten Bereichen unserer Gesellschaft gehören.«

Diese Zeilen schrieb meine Kollegin Lea, als zum ersten Mal das Ausmaß der Corona-Pandemie deutlich wurde. Auch die Klimakrise zeigt uns, welche Schwachstellen unser System hat, und wo dringend Veränderung nötig ist.

Ein Bereich, der sich dringend ändern muss, um unsere Ökosysteme zu erhalten und unsere Ernährung zu sichern, ist die Landwirtschaft. Um sie ressourcenschonend, widerstandsfähig und resilient zu gestalten, werden dringend produktive und vor allem vielfältige Sorten gebraucht. Große Hoffnung ruhen dabei auf der Ökozüchtung. Doch sie kann mit dem derzeitigen Boom in der Bio-Branche und der Nachfrage nach ökologischen Sorten noch nicht mithalten. Warum ist das so? Dazu müssen wir verstehen, wie der konventionelle Saatgutsektor arbeitet, und wieso seine Mechanismen nicht auf die Öko-Züchtung übertragbar sind.


Die Ökozüchtung setzt auf Vielfalt und braucht deshalb andere Finanzierungsmodelle.

Warum wir uns so schwer damit tun, Vielfalt zu finanzieren

Nur ein Bruchteil der weltweiten Kulturpflanzenvielfalt findet Eingang in die Kataloge der konventionellen Züchtung – sowohl gemessen an der Zahl der Nutzpflanzen als auch an ihrer genetischen Vielfalt. Das ergibt Sinn, denn in den heute üblichen Monokulturen kommt es vor allem darauf an, dass Pflanzen unter einheitlichen Bedingungen hohe Erträge und gleichförmige Früchte liefern. Diese Uniformität ist auch nötig, um eine Sorte als privat und exklusiv eintragen zu lassen – ein entscheidender Bestandteil des Finanzierungsmodells der konventionellen Züchtung.

Denn nur wenige Sorten entwickeln zu müssen, die dann großräumig verbreitet werden können, ist ökonomisch vorteilhaft. Die enormen Investitionen in solche Hochleistungssorten lohnen sich aber nur, wenn kein anderer ein Stück vom Kuchen abbekommt. Daher schützen die Unternehmen ihre Züchtungen mit Sortenschutz und Patenten. Einheitliche Hochleistungssorten und exklusive Eigentumsrechte sind also zwingend aufeinander angewiesen. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass die konventionelle Züchtung nicht zur Erhöhung der Kulturpflanzenvielfalt beitragen kann.

Die Ökozüchtung hingegen hat Vielfalt zum integralen Bestandteil ihrer Arbeit gemacht, und schließt eine Finanzierung durch geistige Eigentumsrechte weitgehend aus. Um die Möglichkeiten der ökologischen Züchtung zu nutzen und die Nachfrage an Sorten für den wachsenden Markt für Bio-Lebensmittel bedienen zu können, müssen also neue Wege der Finanzierung gefunden werden.

Finanzierung neu denken –  Ideen für eine vielfältige Zukunft

Wir stellen in unserem Papier »Vielfalt ermöglichen« 6 mögliche Bausteine eines neuen Finanzierungsmodells der ökologischen Pflanzenzüchtung vor. Von einem festen Sortenentwicklungsbeitrag aus der Landwirtschaft über die community-basierte Züchtung und Züchtungsprojekten im Auftrag bis hin zu einer spezialisierten Agentur, die effizienter Fördergelder beschaffen kann – es fehlt es nicht an Ideen. Nachdem wir in einem früheren Blog-Eintrag bereits die community-basierte Züchtung erläuterten, will ich heute eine weitere Idee vorstellen: Die Beteiligung der Wertschöpfungskette von Nahrungsmitteln bei der Züchtungsfinanzierung, also ein System, das Saatguterzeugung, Landwirtschaft, Handel und Verarbeitung und nicht zuletzt Verbraucher*innen einbezieht.


Eine Wertschöpfungskette vom Saatgut bis zum fertigen Brot: Das Projekt »Ein Brot für freies Saatgut«

In Zukunft gemeinsam

Die Erhaltung gesunder Ökosysteme geht uns alle an und alle tragen dafür Verantwortung. Kulturpflanzenvielfalt ist dafür unverzichtbar, daher ist es an der Zeit, Pflanzenzüchtung endlich als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu sehen. Tatsächlich ist diese Erkenntnis bei vielen Akteur*innen der Wertschöpfungskette längst angekommen. Schon jetzt zeigen viele Projekte, dass Landwirt*innen, Verarbeitung, Handel und Verbraucher*innen nicht nur als Spendende, sondern auch als Mitgestaltende auftreten und Verantwortung übernehmen wollen. Ein Beispiel ist das Projekt FAIR-BREEDING von Kultursaat und Naturata, in dem Einzelhändler 0,3 % ihres Nettoumsatzes von Bio-Gemüse und Obst an die Öko-Züchtung weiterleiten. Einige Unternehmen sehen ihr Engagement dabei inzwischen einfach als Investition – sie wissen, dass sie mittelfristig von der Zusammenarbeit profitieren werden. Diese Initiativen senden ein positives Signal, auch an andere Unternehmen. Bisher werden die Beiträge jedoch in aller Regel in Form von Spenden oder im Rahmen einzelner Projekte geleistet. Es fehlt oft an Verbindlichkeit, die Züchter*innen Planungssicherheit gibt. Wir denken, für eine verbindliche Beteiligung der Wertschöpfungskette müssten die Konsument*innen ins Zentrum einer Finanzierungsstrategie gestellt werden. Über die Einführung eines Labels wäre dies möglich.

Verbraucher einbeziehen - Vorschlag für ein Open-Source-Label

Open-Source ist ein starkes Kaufargument für Verbraucher*innen: Es steht für Vielfalt und für Saatgut als Gemeingut. Die Öffentlichkeit sieht die Monopolisierung im Saatgut-Sektor kritisch und sucht nach Möglichkeiten, etwas dagegen zu unternehmen. Erste Erfahrungen mit dem Vertrieb von Open-Source Sorten haben gezeigt, dass die Verbraucher diese Alternative zu privatisiertem Saatgut sehr schätzen. Ein Beispiel ist die Sunviva-Tomate, die inzwischen in das Sortiment zahlreicher Saatguthändler aufgenommen wurde; ein anderes ist die Weizenpopulation Convento C, die ab 2019 durch den Verkauf von »Open-Source-Brot« in Berliner Bäckereien bekannt wurde.

Dies spricht dafür, dass auch die Einführung eines Labels »aus freiem Bio-Saatgut« bei den Kund*innen sehr willkommen wäre. Sie könnten so gezielt die ökologische Züchtung unterstützen. Das Label könnte außerdem das Bewusstsein für die Wichtigkeit von ökologischer Pflanzenzüchtung stärken und die Nachfrage nach freiem Bio-Saatgut steigern. Ein solcher Trend könnte weitreichende positive Wirkungen haben.


Im April 2021 verkauft auch die große Berliner Bäckerei Märkisches Landbrot erstmals »Open-Source-Brot«.

Mit Gemeingütern die Welternährung sichern

Open-Source-Strategien können den freien Zugang zu Saatgut sichern, der wiederum essentiell für eine Gegenbewegung zum Monopol der Konzerne ist. Aber ein Gemeingut muss auch finanziert werden. Im »alten System« übernehmen allein die Landwirte diese Verantwortung, ein neues Gemeingüter-basiertes Saatgutsystem kann und muss von der Gesellschaft als Ganzes getragen werden.

Die Dringlichkeit, die ökologische Pflanzenzüchtung zu fördern und so die benötigte pflanzengenetische Vielfalt zu schaffen, ist hoch. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit brauchen wir Kulturpflanzenvielfalt, insbesondere für Standorte, an denen Boden und Klima keine optimalen Produktionsbedingungen für konventionell gezüchtete Kulturen und Sorten bieten. Nur wenn es uns gelingt, die Landwirte in diesen Gebieten mit geeigneten und nachhaltig nutzbaren Sorten zu versorgen, haben wir eine Chance, unsere Welternährung langfristig zu sichern.

Mehr zu den 6 Konzepten für eine Finanzierung der Ökozüchtung in unserem Papier »Vielfalt ermöglichen. Wege zur Finanzierung der ökologischen Pflanzenzüchtung«