System Change not Climate Change: Wir beginnen beim Saatgut

Mein persönlicher Klimawandel Aktionsplan | 19. September 2019 | von Lea

Seit Monaten werden meine Newsfeeds von zahllosen Meldungen und Artikeln über die Dramatik des Klimawandels überschwemmt. Die Botschaft ist klar: Uns bleibt wenig Zeit.(1) Das bringt viele inspirierende Menschen dazu, sich lautstark für eine klimafreundliche Politik und Landwirtschaft einzusetzen. Und trotzdem bleibt mir ein Gefühl der Beunruhigung im Hinblick auf die starre Wand, welche die Entscheidungsträger*innen hinsichtlich der dazu notwendigen Schritte darstellen.

 
We don't have time

Eine Frage, die ich mir im Angesicht dieser Beunruhigung häufig stelle, lautet: Tue ich genug? Sollte ich nicht da draußen sein, Banner aufhängen, Baumhäuser besetzen und Bäume pflanzen? Ist das nicht vielleicht gerade wichtiger, als hier im Büro von OpenSourceSeeds zu arbeiten?

 
Klimawandel Aktionsplan: Sollte ich lieber Bäume pflanzen?

Möglicherweise. Denn offenbar ist Aufforstung tatsächlich das wirksamste Mittel, um den Klimawandel zu bremsen.(2) Allerdings sind klimatische Veränderungen bereits jetzt spürbar. Und die Bindung von möglichst viel CO2 in gesunden und starken Wäldern ist langwierig – und mitnichten unsere einzige Aufgabe. 

Erst gestern habe ich gelesen, dass 50 % der Treibhausemissionen aus unserem Ernährungssystem resultieren.(3) Die erste Hälfte davon aus landwirtschaftlichen Emissionen und den Folgen von Landnutzungsänderungen, die zweite Hälfte aus der Verarbeitung, Kühlung, Müllproduktion sowie dem Transport von Lebensmitteln. Es ist offensichtlich, dass es mit dem Pflanzen von Bäumen allein nicht getan ist. Wir brauchen weit mehr als das. 


System Change not Climate Change

Was wir wirklich brauchen ist ein Systemwandel. Und aus dieser Notwendigkeit ergeben sich die drei Punkte meines ganz persönlichen Klimawandel Aktionsplans. Mit ein wenig Erleichterung durfte ich feststellen, dass auch meine Arbeit bei OpenSourceSeeds hier seinen Platz findet.

 
Klimawandel Aktionsplan Punkt 1: Vielfalt erhalten & neu erschaffen

Im Studium habe ich den Begriff Resilienz kennengelernt. Resilienz beschreibt die "Leistungsfähigkeit eines Systems Störungen zu absorbieren, und sich in Phasen der Veränderung so neu zu organisieren, dass wesentliche Strukturen und Funktionen erhalten bleiben."(4) Der Klimawandel stellt dabei wohl die gravierendste „Störung“ dar, die unser weltweites System in näherer Zukunft zu bewerkstelligen hat. Es gibt einen maßgeblichen Faktor, der die Resilienz eines Ökosystems und auch eines Agrarsystems beeinflusst. Dieser Faktor heißt Vielfalt. Und unser Agrarsystem hat im Verlauf des letzten Jahrhunderts eine Menge davon eingebüßt: In den Industrieländern in den letzten 100 Jahren bis zu 90%.(5) 

Eine nachhaltige Landwirtschaft braucht Sortenvielfalt und Menschen, die diese schaffen. Insbesondere in Anbetracht des Klimawandels! Das etablierte System, Pflanzenzüchtung durch geistige Eigentumsrechte zu finanzieren steht im Wiederspruch zu der Erschaffung vielfältiger und regional angepasster Sorten. Das macht unsere Arbeit bei OpenSourceSeeds so bedeutsam: Wir brauchen eine Alternative, die Vielfalt fördert, anstatt sie zu hemmen.

 
Klimawandel Aktionsplan Punkt 2: Regionale Ernährungssysteme aufbauen

Transport, Kühlung, Verpackung – All diese Faktoren sind für einen großen Teil der Emissionen verantwortlich. Und all diese Faktoren wären durch kürzere Lieferketten sowie eine direktere Vermarktung vermeidbar. Auch wenn es dann im Winter keine Erdbeeren gibt, kann durch Regionalität ein deutlich nachhaltigeres Ernährungssystem geschaffen werden. 

Doch auch hierfür ist die Grundlage: Die richtigen Sorten für jede Region. Eine reiche Ernte gibt es vor allem dann, wenn die Pflanze zum Klima und zum Boden passt. Zusätzlich können so Dünger und Pestizide eingespart werden.

 
There is no planet B

Klimawandel Aktionsplan Punkt 3: Gemeinschaft statt Konsum

Unser Konsum ist maßlos. Der diesjährige Erdüberlastungstag war bereits am 29. Juli 2019.(6) Das bedeutet, schon am 29. Juli waren die gesamten nachhaltig nutzbaren Ressourcen der Erde für 2019 aufgebraucht. Seit dem leben wir im Grunde auf Pump. Doch warum konsumieren wir so viel mehr, als wir wirklich brauchen? Die Antwort ist meiner Ansicht nach recht einfach: Wir konsumieren, weil wir gelernt haben, dass Konsum sich gut anfühlt. 

Dabei gibt es durchaus nachhaltigere Wege, um gute Gefühle zu erreichen. Ein Grundbedürfnis des Menschen ist Gemeinschaft. In einer starken, sich gegenseitig tragenden Gemeinschaft zu leben und zu wirtschaften kann das Bedürfnis nach kurzfristigem Konsum-Glück mehr und mehr schwinden lassen. Für unseren Planeten wäre das eine Wohltat. Für jede*n Einzelne*n wahrscheinlich auch. 

Commons greifen dieses Prinzip auf. Die Nutzung von Ressourcen wird gemeinschaftlich organisiert, sodass schlussendlich alle zu der Erfüllung ihres Bedürfnisses kommen. OpenSourceSeeds hat die Vision, ein Saatgut-Commons zu erschaffen. Und auch wenn wir diese Idee gerade erst wiederentdecken, wenn die Entwicklung einer solchen Gemeinschaft noch ein langer Weg ist, so ist die Initiative doch fast wie eine Art Labor, das experimentiert, wie ein Commons praktisch in das bestehende System eingegliedert werden kann. 

 
Klimawandel Aktionsplan: Fazit

Es stimmt: Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste da draußen sein, Banner aufhängen, Baumhäuser besetzen und Bäume pflanzen. Und ich habe großen Respekt vor allen, die sich auf diese Weise engagieren und die Politik antreiben. Dennoch glaube ich daran, dass unsere Arbeit zur Transition zu einem nachhaltigeren, vielfältigeren und resilienteren System beiträgt – Nicht nur, aber auch im Anbetracht des Klimawandels. 

Quellen:

(1): https://www.fr.de/wissen/klimawandel-zehn-jahre-bleiben-rettung-planeten...

(2): https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-07/klimawandel-klimaschutz-auffor...

 (3): https://freethesoil.org/de/klimagerechtigkeit-braucht-die-agrarwende/

 (4): https://www.nachhaltigkeit.info/artikel/resilienz_1960.htm

 (5): https://www.bfn.de/themen/landwirtschaft/agrarbiodiversitaet.html

 (6): https://www.germanwatch.org/de/overshoot